Teil III
Wie kann Österreich seine Sicherheit organisieren?
Schützt uns die EU nicht ohnehin?
Neutralität bedeutet Bündnisfreiheit. Für die meisten neutralen Staaten heißt das: Im Ernstfall stehen sie
allein. Für Österreich gilt das nicht ganz.
Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags verpflichtet die Mitgliedstaaten, einem angegriffenen Mitgliedstaat
„alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung" zu leisten.2 Das
ist ein ernstzunehmender Ausdruck europäischer Solidarität und gehört in jede redliche Debatte.
Derselbe Artikel enthält aber einen zweiten Satz: Die Verpflichtung lässt den besonderen Charakter der
Sicherheitspolitik einzelner Mitgliedstaaten unberührt. Diese Klausel wurde für Länder wie Österreich,
Irland, Malta und – bis zu seinem NATO-Beitritt – Schweden geschrieben. Sie bedeutet nicht, dass Österreich
von der Beistandspflicht ausgenommen wäre. Sie bedeutet, dass Österreich selbst bestimmt, in welcher Form
es beiträgt. Militärisch muss es nicht sein.
Ein Beistandsversprechen ist nur so stark wie die Vorarbeit dahinter: Planung, Übung, Fähigkeiten – Jahre
vorher. Genau daran arbeitet Europa gerade. Seit dem Gipfel in Nikosia im April 2026 erstellt die
EU-Kommission einen Plan dafür, was passiert, wenn ein Mitgliedstaat Artikel 42.7 auslöst: wer zuerst
reagiert, wer was stellt, wer führt.
Im Ernstfall kommen aus anderen Ländern Armeen. Von uns kommen Geld und Material. Beides ist Hilfe. Nur ist
das Risiko dabei ungleich verteilt.
Was in diesem Plan bei Österreich stehen wird, ist offen. Die Frage stellt sich jetzt – und beantworten
muss sie niemand außer uns.
Kann Österreich überhaupt etwas zur Verteidigung Europas beitragen?
Viele halten die Debatte für müßig. Österreich sei militärisch zu klein, um etwas beizutragen – also sei es
auch gleichgültig, welchen Status es hat.
Die Frage ist nicht, wie groß wir sind. Sie ist, was wir können.
Österreich beteiligt sich an 14 von 68 Projekten der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit der EU. Eines
davon leitet es selbst: ein System aus Drohnen und unbemannten Bodenfahrzeugen, das chemische, biologische
und atomare Gefahren erkennt. Es war das erste dieser Projekte, das unterzeichnet wurde. Nach Einschätzung
des Bundesheeres schließt es eine Lücke, die die EU bis dahin hatte.5
Auch im Cyberbereich arbeitet Österreich seit 2024 in einem gemeinsamen europäischen Reaktionsteam mit –
initiiert von Litauen.
Das ist keine Panzerarmee. Es ist etwas anderes: eine Fähigkeit, die kaum jemand sonst hat, in einem
Bereich, der zählt.
Gleichzeitig ist der Nachholbedarf groß. Der Aufbauplan des Bundesheeres sieht bis 2032 rund 16 Milliarden
Euro vor, um Fähigkeiten zu erhalten und neu aufzubauen. Der Generalstab rechnet mit zehn Jahren, bis das
erreicht ist.6
Wer beiträgt, wird nicht gefragt, ob er groß ist. Er wird gefragt, was er mitbringt – und ob er es
rechtzeitig kann.
Wem gegenüber wollen wir neutral sein?
Militärische Neutralität bedeutet nicht moralische Gleichgültigkeit. Die Bundesregierung hält in ihrer
Sicherheitsstrategie ausdrücklich fest, dass militärische Neutralität nicht heißt, gleichgültig zu sein,
wenn das Völkerrecht verletzt wird.3
Österreich ist Mitglied der Europäischen Union. Wir haben uns damit nicht nur für einen Binnenmarkt
entschieden, sondern auch für gemeinsame Werte, politische Solidarität und eine gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik.
Wollen wir gegenüber unseren Nachbarn und europäischen Partnern in gleicher Weise neutral sein wie
gegenüber einem Staat, der einen Angriffskrieg führt?
Die Antwort kann „ja" lauten. Sie kann auch „nein" lauten. Sie sollte nur eine Antwort sein und keine
Selbstverständlichkeit.